Grüner Strom für die Netze der Zukunft

01.05.2015

Energiewende. Wind, Wasser und Sonne: Die heimische Energiegewinnung und -versorgung steht am Wendepunkt. Wie Österreichs Energieerzeuger und deren Zulieferanten mit innovativen "grünen" Lösungen punkten wollen.
 
Der Countdown läuft : Österreich muss den Anteil erneuerbarer Energieträger bis zum Jahr 2020 auf 34 Prozent erhöhen. Und so wird an den grünen Lösungen der Zukunft schon seit Jahren eifrig gearbeitet. Die Strom- und Gasmärkte in Europa befinden sich daher im Umbruch. Das bestätigt auch Martin Graf, Vorstand der Energieregulierungsbehörde E-Control. "Der europäische Energiemarkt ist heute viel vernetzter, transparenter und diversifizierter als noch vor wenigen Jahren", betont der Energieexperte.
 
"Aktive Prosumenten."
Einst klar verteilte Rollen zwischen Erzeugern und Endverbrauchern haben sich verschoben. An die Stelle "passiver" Konsumenten sind vermehrt "aktive Prosumenten" getreten, die selbst Energie erzeugen, verbrauchen und in das System einspeisen. "Dabei stellen Energiegenossenschaften mit dem Ziel einer dezentralen, konzernunabhängigen und ökologischen Energiegewinnung vermehrt traditionelle Geschäftsmodelle von Konzernen und regionalen Energieversorgern infrage", erläutert Graf. Das Energiesystem der Zukunft ist vielfältiger, flexibler und geht stärker auf Kundenbedürfnisse wie etwa die verstärkt nachgefragte intelligente Steuerung des Haushalts ein.
 
Neue Stromversorgungsnetze.
Dass Österreich beim Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energieträger ganz vorne mit dabei ist, bestätigt auch die Vorstandsvorsitzende von Austrian Power Grid (APG), Ulrike Baumgartner-Gabitzer: "Wir sind bereits mitten im Prozess der Energiewende, jedenfalls, wenn wir die Stromversorgung betrachten. Der Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen erfolgt mit hohem Tempo. Es entsteht dadurch ein völlig neues Stromversorgungssystem, das anderen Gesetzmäßigkeiten folgt, als wir sie in der E-Wirtschaft bis dato kannten." Auch die Rolle der APG im Rahmen dieser Transformation ist für sie klar erkennbar: "Unser Netz ist die Grundlage für das Funktionieren des Stromversorgungssystems. Wir errichten die Infrastruktur für eine nachhaltige Energiezukunft. Dafür investieren wir jährlich rund 100 Millionen Euro."
 
Erdgas hat Zukunft.

Die Kombination von Erdgas mit neuen Technologien ist einer der Wege in eine effiziente und wirtschaftlich tragfähige Energiezukunft. Die OMV investiert daher in die Erforschung und Entwicklung neuer Energiequellen und Technologien, etwa in die Produktion von Biokraftstoffen der zweiten Generation und den Aufbau der für Wasserstoffmobilität nötigen Infrastruktur. Dabei forscht das Unternehmen in Kooperation mit österreichischen Firmen und nationalen und internationalen Universitäten wie dem Christian Doppler Labor in Cambridge oder der Johannes Kepler Universität in Linz an Speicherlösungen für erneuerbare Energiequellen. In Cambridge wird noch weiter in die Zukunft geschaut - im Christian Doppler Labor für "Erneuerbare Synthesegas-Chemie", das die OMV als Industriepartner unterstützt, wird an neuen Wegen zur Spaltung von H2O und CO2 geforscht.
 
Versorgung der Smart Citys.
Gerade im städtischen Raum sind neue "grüne" Lösungen gefordert. Basis für die erfolgreiche Energiewende in Wien sind etwa die Nutzung der Abwärme aus der Stromerzeugung - die sogenannte Kraft-Wärme-Kopplung - und die Gewinnung von Energie aus thermischer Abfallverwertung. Wien Energie setzt in den nächsten Jahren auf den Ausbau der erneuerbaren Energieproduktion und die Erhöhung der Energieeffizienz. Susanna Zapreva, Wien-Energie-Geschäftsführerin: "Bis 2030 planen wir, den Anteil der Energiegewinnung aus regenerativen Quellen an der Gesamtproduktion auf 50 Prozent zu steigern. Wir setzen seit 1997 auf Windenergie und verfügen über eine Reihe eigener Anlagen und Beteiligungen, etwa die Windparks Donauinsel und Unterlaa, Glinzendorf in Niederösterreich, den größten Windpark der Alpen in der Steiermark, den Windpark Level in Ungarn und weitere Windparks wie etwa Pottendorf in Niederösterreich in Umsetzung oder Planung. Auch im Bereich Photovoltaik hat Wien Energie in den vergangenen Jahren kräftig investiert und mittlerweile 45 Anlagen in Betrieb, davon 17 als Bürgersolarkraftwerke." In Opponitz wurde darüber hinaus das Wasserkraftwerk nach wirtschaftlichen und ökologischen Kriterien modernisiert. Die Bilanz aus der Summe dieser Maßnahmen: Derzeit versorgt Wien Energie rund 660.000 Haushalte mit Ökostrom und spart drei Millionen Tonnen CO2 pro Jahr ein.
 
Flexible Nutzung für die Industrie.
In der Stromerzeugung hat Österreich die Energiewende bereits erfolgreich im Blickpunkt - über 75 Prozent kommen aus erneuerbaren Quellen. Als Österreichs größter Stromversorger hat der Verbund dabei eine besonders hohe Quote. Vorstandsvorsitzender Wolfgang Anzengruber: "Rund 95 Prozent des Verbund-Stroms werden aus Wasserkraft und mit Windkraft ergänzt erzeugt. Bei Wärme und Verkehr steht uns die Energiewende noch bevor. Aber auch hier kann und wird Strom aus erneuerbaren Quellen eine Lösung sein, etwa beim Heizen mit Wärmepumpe oder Elektromobilität." Erneuerbare Energien bringen aber auch immer wieder massive Schwankungen ins Stromnetz. Um die Stabilität und Versorgungssicherheit des Stromnetzes auch bei Kapazitätsschwankungen garantieren zu können, müssen Rahmenbedingungen geändert und die Versorgung in Zukunft intelligent gesteuert werden. Künftig muss der Verbrauch auch der Erzeugung folgen, um eine unterbrechungsfreie Versorgung ohne Leistungseinschränkungen garantieren zu können. Der Verbund setzt dieses Demand- Response-Prinzip in der Praxis um und agiert als virtueller Kraftwerksbetreiber: Mit seinem "Power-Pool" können interessierte Industrie- und Gewerbekunden ihre individuelle Verbrauchs- und Erzeugungsflexibilität unter Aufrechterhaltung der Prozesskontrolle intelligent bündeln und am Regelenergiemarkt vermarkten.
 
Intelligente Stromzähler.
Nachhaltige Energie-Infrastruktur wird auch von der oberösterreichischen Energie AG vorangetrieben. Generaldirektor Leo Windtner: "Wir setzen weiter auf den Ausbau der Wasserkraft und engagieren uns verstärkt im Bereich der erneuerbaren Energien. Mit dem SolarCampus haben wir vor mittlerweile fünf Jahren Österreichs größtes Photovoltaik-Forschungskraftwerk in Eberstalzell errichtet und auch eine breit angelegte Bürgerkraftwerkskampagne durchgeführt. Windenergie in Oberösterreich nachhaltig wirtschaftlich zu nutzen, ist sehr schwierig, weshalb wir uns dazu entschlossen haben, in Windkraftprojekte in Ostösterreich einzusteigen. In Ried steht das Geothermie-Wärmeversorgungsprojekt kurz vor dem Abschluss." Aber auch bei intelligenten Stromzählern, sogenannten "Smart Grids" gehört die Energie AG zu den Vorreitern in Österreich. "Wir haben in Oberösterreich bereits mehr als 170.000 intelligente Stromzähler installiert, derzeit läuft der Flächenausbau mit weiteren 300.000 Zählern", erklärt Windtner.
 
Wasserskraftausbau.
Auch Pumpspeicher-Wasserkraftwerke sind zu grünen Batterien im System der Energiewende und zu Geschwistern der Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenkraft geworden. Das seit vielen Jahren größte Flusskraftwerksprojekt Österreichs entsteht zurzeit in Tirol: Mit einer Leistung von 89 MW, einem Regelarbeitsvermögen von über 400 GWh jährlich und einem Investitionsvolumen von 461 Millionen Euro ist das österreichisch-schweizerische Gemeinschaftskraftwerk Inn (GKI) nicht nur eine der größten Investitionen im Tiroler Oberland seit Jahrzehnten, sondern auch das erste große Wasserkraftprojekt seit über 30 Jahren, das in Tirol realisiert wird. Nach einer rund vierjährigen Bauzeit wird das Gemeinschaftskraftwerk Inn ab Herbst 2018 den Betrieb zur Produktion sauberen Stroms aus heimischer Wasserkraft aufnehmen. Für TIWAG-Vorstandsvorsitzenden Bruno Wallnöfer ist das GKI schon jetzt das Referenzprojekt für den weiteren Wasserkraftausbau in Tirol: "Mit dem GKI sowie den im UVP-Verfahren stehenden Projekten - der Erweiterung der Speichergruppe Sellrain-Silz, dem Ausbau des Kaunertal-Kraftwerks sowie der Errichtung weiterer Ausleitungswasserkraftwerke am oberen Inn und am Osttiroler Tauernbach - werden wir zur europäischen Energiewende beitragen und arbeiten an der Stromautonomie Tirols."
 
Die Kraft der Sonne.
Die Alpenrepublik hat auch bei der Nutzung von Solarwärme eine starke Position, sagt Jurrien Westerhof, Geschäftsführer Erneuerbare Energie Österreich: "Pro Kopf gerechnet stehen wir nach Zypern und Israel weltweit an dritter Stelle bei der Fläche von Solarthermieanlagen. 51 Prozent aller Sonnenkollektoren befinden sich dabei in Oberösterreich und der Steiermark. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern erklären sich unter anderem aus den verschiedenen Unterstützungsprogrammen aus den vergangenen Jahren." Bei der Nutzung von Sonnenstrom mittels Photovoltaikanlagen (PV) hat Österreich im internationalen Vergleich zunächst gezögert, aber in den vergangenen Jahren stark aufgeholt, erzählt Westerhof. "Mittlerweile liefern die Anlagen mehr als ein Prozent des Strombedarfs, bis 2020 sollen es acht Prozent werden. Auf Dauer wird die Photovoltaik zu einer der tragenden Säulen der Stromerzeugung. Dazu kommt, dass österreichische Unternehmen zu den Weltmarktführern bei Solarwärmekollektoren und PV-Technik zählen."
 
Windkraft im Aufwind.
 
Als Wirtschaftsmotor mit rund 5.600 Mitarbeitern in der Branche hat besonders die Windkraft neue Impulse in den Markt der erneuerbaren Energieträger gebracht. So wurden in den letzten drei Jahren in Summe 1,7 Milliarden Euro in den Windkraftausbau investiert. Und die Zahlen können sich sehen lassen: Derzeit drehen sich in Österreich 1.016 Windräder mit einer Gesamtleistung von 2.095 MW, die in einem Jahr 4,5 Milliarden Kilowattstunden sauberen Stroms erzeugen und damit 7,2 Prozent des österreichischen Strombedarfs decken können. Die Studie "Das realisierbare Windpotenzial Österreichs für 2020 und 2030" des Vereins Energiewerkstatt zeigt das umsetzbare Windenergiepotenzial bis 2030 auf. "Ziel der vom Klima- und Energiefonds und der IG Windkraft in Auftrag gegebenen Analyse war es, die technische, wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklung der Windkraftnutzung der kommenden 15 Jahre in Österreich möglichst realistisch abzubilden", so Theresia Vogel, Geschäftsführerin Klima-und Energiefonds. Bis 2020 können demnach bereits 13,5 Prozent des heimischen Stromverbrauchs mit Windenergie gedeckt werden. Bis 2030 geht die Potenzialstudie von einer Verdopplung der Windstromproduktion aus. Damit würden alle Windkraftanlagen 24 Prozent des österreichischen Stromverbrauchs erzeugen.

Von Christina Badelt

 Quelle: News" Nr. 08/2015 [energynewsmagazine.at]